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Die Höchste Eisenbahn – Wer bringt mich jetzt zu den anderen

18 September 2016 Zloty Vazquez 9 Kommentare

Nach den ersten Tönen und dem ersten Schauer verliebt man sich in eine Band, die mit Herzblut versucht große Popmusik zu machen und ihr Genre selbst entdeckt.

Die Höchste Eisenbahn bimmelt wieder los. Man kann gar nicht das überhören, was die Anderen sagen, doch man muss aufpassen, dass man die richtigen Worte findet, um die Musik der Berliner zu beschreiben. Mit Samthandschuhen packen die ja nicht ihre Gefühle an, sondern schaffen Bilder, die du nicht beim Spülen unter die Oberfläche gedrückt bekommst.

Vieles fängt klein an und wird dann immer größer. Understatement trifft Größenwahn. Die Höchste Eisenbahn weiß, dass sie mit allen Wassern gewaschen ist. Alles geht, jede Windung wird zur Wendung. Jeder Reim bekommt einen Aufenthaltsort in deinem Herzen zugewiesen. Dort bleibt er dann für immer. Keiner muss sich entschuldigen, wenn er Steely Dan, Tele oder Subterfuge hört. Hier geht ein Gesang um die Welt, der einen Eiertanz aufführt und am Ende dein Bettchen warm hält. Sing mit. Unter der Dusche, in deinem Großraumbüro, im Antonipark oder im Proseminar. Popakademien können schließen. Das Lehrwerk besitzt Tapete.

Die Höchste Eisenbahn hat ein Album aufgenommen, das sich nicht zu verstecken braucht, denn es spielt mit seiner Musik in den Wellen der Gezeiten. Aber auch nicht zu rechtfertigen. Der schludrige Gesang, der nasale Overdose, der Hang zur Überproduktion, die Nähe zum Niedergang des Indietums. Wer Motown sagt, muss auch Call-and-Response ertragen.

All das hat Berlin im Überschuss, doch so Männer, wie die aus der Eisenbahnbranche, mit Spleen und Worten wie Nachspeisen, eben wenige. Sie dürfen Dinge offen lassen, anecken und spröde poppen. So hege und pflege die Höchste Eisenbahn. Man weiß nicht, wann man wieder etwas Neues von ihr zu Ohren bekommt. Gleite in Welten deines Alltages, in denen du den Geschichten begegnest, die Moritz und Francesco so mit Schnodder dahinlümmeln, dass man zunächst nur Bahnhof versteht.

Treffe Menschen wie Lisbeth, Louie oder Timmy und vergiss Mario nicht. Ich glaube nicht, dass dieses Jahr etwas besseres aus Deutschland in meine Venen kommt. Ich umarme mich beim Tanzen selbst. Die Höchste Eisenbahn tut gut weh. Man fühlt sich unhip und alleine, man sucht alte Nummern raus und singt laut und mit viel Rotwein mit, um sich lebendig zu fühlen. Am Ende singt man fast so nuschelig wie die Jungs und kreiert neue dritte Stimmen. Wie sagte Antoine de Saint-Exupéry so schön: Einst war die Lokomotive für den Menschen ein Ungeheuer aus Stahl, doch was ist sie heute anderes als ein bescheidener Freund, der jeden Abend um sechs vorbeikommt?

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Zloty Vazquez

Zloty Vazquez lebt in Hamburg und schreibt bei Jahrgangsgeräusche Rezensionen. Er enttarnt außerdem Cover-Art-Kopisten in der Reihe ‚Original und Fälschung‘ und hat die Abstimmung ‚Die Wahl ist dein! ins Leben gerufen. Sein neues Blog ‚Salzweiß und Rosenrot‘ birgt Unmusikalisches.



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