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Julia Stone – The Memory Machine

28 Oktober 2010 Zloty Vazquez Kein Kommentar

Julia Stone spielt gerne die spooky Aga-Kröte. Zusammen mit ihrem Bruder Angus ist das so und nun versucht die Australierin es alleine. Zuerst macht sie das Licht aus. Nur der Fernseher strahlt noch im Dunkeln. Über die Mattscheibe flimmern alte Horrorklassiker. Frauen schreien und rennen vor dem Ding aus dem Sumpf davon. Das alles ohne Ton.

Julia Stone gibt der Nacht den Soundtrack und den Bildern eine andere Geschichte. In jedem guten Horrorfilm steckt auch eine Liebesgeschichte und Stone mimt nun die traurige kleine Aga-Kröte, die es fröstelt. Ihre Stimme klingt warm und kindlich. Der Winter kommt um die Ecke und zeigt sein dunkles Gesicht. Alle Bürgersteige werden hochgeklappt und die Familien sitzen in der Essecke und spielen mit ihren Kindern eine Runde Malefiz. All die einsamen und verlorenen Seelen streifen durch die Nacht und suchen nach einem Walzerpartner oder das kurze Glück, um wenigsten am Heiligen Abend nicht alleine zu sein. Geschenke tragen sie im Herzen und nicht in Papier.

Julia füttert ihre akustische Gitarre mit altbekannten Chords und lässt diese in schöner Reihenfolge auf den Hörer los. Sie zittert. Ihre Trompete gibt den Songs noch mehr Dramatik und die Streicher sind so weich, dass dein Leichenhemd jeden Windzug direkt auf die Haut lässt. Gänsehaut. Das ist es also, was Julia Stone will. Sie möchte das kleine Mädchen sein, das man bewundert und zugleich auch fürchtet. Was ist ihr nur widerfahren und warum sind ihre Haare so nass? Ja, auch sie kommt aus dem Sumpf. Die Metamorphose liegt schon Jahre zurück.

Das sanft raschelnde Schlagzeug untermalt jedes Hauchen und Betteln, das in Julias Stimme immer wieder Gewicht findet. ‚Catastrophe‘ fällt da fast schon aus dem Rahmen. Die Trompete spielt den hüpfenden Barjazz, der dir Fröhlichkeit vorgaukeln möchte. Eine Fanfare, die dir das Warten auf etwas Schönes versüßen soll. Doch das wird nie eintreffen. Nicht heute Abend und auch nicht morgen. ‚This Love‘ trippelt noch. Zuerst auf der Stelle, dann im Takt ihres Herzschlags. Einsamkeit kann schon mal verschroben machen.

Julia Stone erinnert am Rande an Joanna Newsom. Das mag an der Stimme liegen. Nein, dass muss es sein. Die Lichter in deinen Träumen werden gedimmt, du schaust noch mal unter dein Bett, ob da nicht doch das Ungeheuer liegt und du schließt die Augen. Morgen früh kuschelst du dich zwischen deine Eltern ins Liebesnest. Pech für die. Du bist halt deren größtes Geschenk. Für immer. Und die Aga-Kröte quakt. Schön.

Erschienen bei EMI

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Zloty Vazquez Zloty Vazquez lebt in Hamburg und schreibt bei Jahrgangsgeräusche Rezensionen. Er enttarnt außerdem Cover-Art-Kopisten in der Reihe 'Original und Fälschung' und hat die Abstimmung 'Die Wahl ist dein! ins Leben gerufen. Sein neues Blog 'Salzweiß und Rosenrot' birgt Unmusikalisches.

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