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Kraków Loves Adana – Beauty

2 Juli 2010 Zloty Vazquez 3 Kommentare

So wie man in den Wald brüllt, so schallt es heraus. Kraków Loves Adana brüllen aber nicht. Das Duo aus Freiburg liegt im Gras und zieht sich ohne Schuhlöffel die Stiefel aus. Es dauert einen Moment, doch dann kommen die Füße endlich frei. Ein Windzug lässt die Beiden frösteln. Socken wären gut. Die erdige Gitarre pickt sich das Blümchenkleid raus und steckt es in die nächste Grube. Schönheit muss nicht den Klischees entsprechen.

Geister fliegen umher und Deniz Cicek versucht sie, mit ihrem Timbre zu besänftigen. Eine angezerrte Gitarre kommt aus der Versenkung und rotzt langsam, aber mit Gänsehaut dicke Spucke über die Töne. Ein Keyboard ist der moosige Teppich, der deine Hose grünlich verfärbt. Lass den Wind in dein Haar! Bitte, schau nicht so traurig, Deniz tut nur so, sie will gar nicht unnahbar rüberkommen. Alles nur schamanenhafte Attitüde.

Kraków Loves Adana

Der Folk bekommt experimentelle Klangbausteine unter den Popo geklemmt, so dass die Countrygitarre nicht in der Scheune festsitzt. Robert Heitmann lässt Deniz sprechen, singen und hauchen. Er hält sich zurück und kommt auf dem Diktiergerät zu Wort, um Authentizität zu personalisieren. Er war da, wenn auch nur kurz. Du hättest dich ja melden können! Deniz lässt die Haare hängen und zertritt Blumen, ohne mit der Wimper zu zucken. In der eigenen Welt machen Blumen keinen Sinn. Der Duft und die Farben nerven. Hat was mit Romantik zu tun. Kraków Loves Adana eher nicht.

Selten taucht ein Schlagzeug auf, um dem moosigen Untergrund doch noch das Rockgewand anzulegen. Die Gitarre darf dann schon mal ein Riff aus PJ Harvey-Tagen anschlagen. Deniz wartet auf sich selbst. Sie ist oft neben der Spur, so als würde sie nicht zu den Songs gehören, so als wäre jeder Ausbruch des Rocks spurlos an ihrer Statur vorbeigerauscht. Und wieder klingt das Windspiel nach Klavier. Alles lässt sich Zeit, jede Sekunde schminkst du dir eine Wunde. Der Heimweg durch das Gestrüpp könnte schmerzen. Die Schuhe haben Kraków Loves Adana liegen lassen. Jedes Steinchen tut jetzt weh.

Kraków Loves Adana gehören in den Herbst. Jedes laue Lüftchen wird weggepustet. Die Ruhe vor dem Sturm, vor den ersten gelben Blättern, den ersten Suizidgedanken. Das Diktiergerät wärmt halt nicht, obwohl deine Stimme mein Ohr kitzelt, wenn ich es ran drücke. Die Geister mit denen Deniz schlief sitzen auf der Rückbank und immer wenn Robert und Deniz in den Rückspiegel schauen, machen die sich über so viel Wehmut lustig. “Mensch, ihr seid doch Schuld”, denkt sich Deniz. “Die singende Säge war doch nicht meine Idee.” Kraków Loves Adana zelebrieren ihren Düsterfolk bis zum letzten Atemzug, ob die Sonne knallt oder nicht. Auch als Duo sind sie irgendwie allein. Verstörend…

Erschienen bei Snowhite (Universal)

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Zloty Vazquez Zloty Vazquez lebt in Hamburg und schreibt bei Jahrgangsgeräusche Rezensionen. Er enttarnt außerdem Cover-Art-Kopisten in der Reihe 'Original und Fälschung' und hat die Abstimmung 'Die Wahl ist dein! ins Leben gerufen. Sein neues Blog 'Salzweiß und Rosenrot' birgt Unmusikalisches.

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