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Efdemin – Chicago

15 Juni 2010 Axel Ganz 2 Kommentare

„Weniger ist mehr“ behauptete einst Mies van der Rohe. Der einflussreiche Architekt, der mit zahlreichen Bauwerken das Bild Chicagos im Besonderen und des modernen Amerikas ganz allgemein entscheidend mit geprägt hat, bediente sich Zeit seines Lebens neuester Technologien. Er führte Stahl und Beton ein, um seine Konzepte einer klaren vom Unwesentlichen befreiten Struktur umzusetzen, deren Aufgabe es ist dem Menschen zu dienen.

Der Berliner Musiker Efdemin hat nun bei Dial sein zweites Album vorgelegt. Auch Efdemins Musik dient dem Menschen. Sie ist funktional. Sie ist sozusagen anwenderorientiert. Denn es handelt sich um, wie man immer so schön sagt, clubtaugliche elektronische Tanzmusik jenseits des Mainstreams; im großen und Ganzen. Das Tempo ist reduziert. Die Arrangements entwickeln sich ohne Hektik. Alles hat seinen Ort und alles hat seinen Sinn.

Auffällig sind zwei Aspekte, die sich durch alle Tracks von „Chicago“ ziehen. Der eine Aspekt ist die Idee der Reduktion und der Entschlackung, die ihren Bezug und ihre Metapher in der modernen Architekturgeschichte und im Aufstieg Amerikas findet. Das reduzierte Tempo sorgt nicht nur für einen entspannten Puls, sondern auch für Übersichtlichkeit, für Klarheit und für Funktionalität. Die Anhäufung von Instrumenten bleibt ebenfalls überschaubar. Die Klänge schließlich entbehren jederzeit der Schwere. Glockige Percussion, leichtfüßige HiHats und dünne samtige Streicher glänzen und tänzeln leichtfüßig über amerikanisches Trotoir. Der Tanzboden besteht aus Spannbeton und dient einzig einem klar strukturierten Raumgefüge, das das Platzangebot effektiv nutzt.

Der zweite Aspekt sind die kontrolliert eingestreuten Elemente von Jazz. Ein Piano-Akkord kann so, fast im Vorbeischweben, neben der Architektur, eine weitere Errungenschaft Amerikas im 20 Jahrhundert zitieren.

Der Titel „There will be Singing“, zu dem es auch ein schönes Video gibt, zieht das Tempo dann etwas an bei gleichzeitig druckvollerem Basseinsatz. Er bildet so etwas wie eine Symmetrieachse des musikalischen Konzeptes von „Chicago“. Hier findet sich der zentrale Raum, um den sich ein moderner Dancefloortrack im Selbstverständnis von Efdemin dreht, ohne jedes überflüssige Element und ohne jeden Anflug von Sentimentalität. Danach bleibt noch etwas Zeit und Raum für gemessene Experimente im Vorgarten. Feine Arbeit aus der Mitte der Elektronik heraus.

Chicago ist Ende Mai bei Dial erschienen.

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Axel Ganz Axel Ganz lebt in Düsseldorf, schreibt bei Jahrgangsgeräusche Rezensionen und sammelt Geräusche sowie Fieldrecordings.

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