Asmus Tietchens – Flächen mit Figuren
Ein Glimmen, ein schaler Hauch, wenig Bewegung. Manchmal weht ein leichtes Flackern vorüber, das sogleich vom Wind verwischt oder zu Größerem entfacht werden könnte. Hier und da ein Funkeln. Es zischelt dünn, sehr dünn. Vielleicht das verschmierte Quietschen eines bremsenden Zuges oder sind es die endlos ausgehöhlten Register eines archäologischen Orgelfundes? Jetzt schwillt es leicht an, oder nicht? Doch, da, eine vehemente Interaktion in unmittelbarer Nähe. Synthetische Formen werden hineingeworfen. Ein seltener Moment. Die Injektionen vermessen den Raum und beschreiben damit gleichzeitig in Grundzügen eine dynamische Skala enormen Ausmaßes, die wir später mal mit verbundenen Augen nachzeichnen werden.
Wenn es um Musik mit rhythmischen Strukturen geht, werden Bilder von Rastern und Patterns zur Beschreibung bemüht. Verzichten Kompositionen auf solche völlig, so spricht man gern von Abstraktion und vom Klangraum. Um das Bild vom Raum ist bei „Flächen mit Figuren“ nicht herum zu kommen. Zu klar zeichnen hier Klänge Tiefen und Untiefen räumlicher Ausdehnungen auf.
Weitgehend ohne gerichtete tonale Ereignisse setzt Asmus Tietchens auf „Flächen mit Figuren“ äußerst feinsinnig und detailliert eine extrem karge Klanglandschaft zusammen, eine Klanglandschaft, die ebenso aus natürlichen wie aus synthetischen Reservoirs gespeist wird. Ein Klanglandschaft, in der so viel Fast-Stille, soviel Andeutung und Kleinigkeit partikulärer Klangmomente vorherrschen, dass das geneigte Ohr beim Hören auf eine neues Maß an Genauigkeit kalibriert wird. Reduzierte Gemessenheit trifft auf äußerste Akribie im Zusammensetzen des Verbliebenen.
Die Flächen vermessen den Raum in seiner Tiefe. Die darin äußerst sparsam platzierten Figuren erscheinen um so schärfer und formen Details, Vorsprünge, Kanten und Volumen. Es könnte sich um Versuchsanordnungen handeln, die triviale Alltagshandlungen nachbilden. Das Zerknüllen eines Papiers vielleicht oder das Falten einer Folie. All das findet in unmittelbarer Nähe statt. Manchmal. Und das erzeugt eine Spannung, die sich in jedem Moment ihres Auftretens unmittelbar entlädt, indem sie sich vom Hintergründigen so stark absetzt wie nur irgend möglich. Objekte und deren Reflektionsverhalten erklären uns Entfernungen, Formen und Volumen, während sie sich im Raum staffeln. Hall und Verzögerungen verweisen auf den Hintergrund.
Das alles zusammengenommen bringt natürlich doch das Rhythmische in die weit ausgreifenden Kompositionen auf „Flächen mit Figuren“, allerdings ohne jedes Raster. In sehr viel größeren Gefügen werden hier Flächen asymmetrisch zerfurcht. Die große Dynamik liefert dazu die nötige Energie. Meisterlich mit Ausrufezeichen.
Asmus Tietchens, Hamburger Pionier elektronischer Musik, hat mich mit seiner ca. 96. Solo-Veröffentlichung so positiv überrascht, dass ich geneigt bin nun zumindest einige seiner zahllosen von mir übersprungenen Werke aus ihren staubigen Archiven hervorzuholen.
Flächen mit Figuren ist über Aufabwegen zu erwerben.
Ähnliche Artikel:
- Asmus Tietchens Live – Düsseldorf, Salon des Amateurs 15.04.2010
- Mika Vainio – Time Examined
- SND – Atavism
- Konrad Kraft: Temporary Audiosculptures and Artefacts
- Andreas Bick – Fire And Frost Pattern
Tweet


Axel Ganz lebt in Düsseldorf, schreibt bei Jahrgangsgeräusche Rezensionen und sammelt
[...] am Ende seines Albums an einen Punkt, der gar nicht so weit entfernt zu sein scheint, von den Flächen und Figuren eines Asmus [...]
[...] Vertonung. Die musikalische Verwandschaft der Ausdrucksmittel zu jüngeren Veröffentlichungen wie „Flächen mit Figuren“ war offenbar. Große dynamische Spannweite und starke räumliche Abbildung waren auch an diesem [...]
[...] Beachtlich sind zwei Aspekte, die „Fire And Frost Pattern“ aus der Vielzahl anderer Fieldrecording-Interessengebiete und -Sammlungen hervorheben. Bick ist sich der besonderen Bedeutung des Parameters der Dynamik bewusst und arbeitet sich an diesem mit den extremsten Lautstärkengegensätzen beginnend (Vulkanausbruch, singende Eisberge) innerhalb der zwei Stücke von ca. 26 Minuten sukzessiv zu den Durchschnitten, mithin in unsere Klang- und Klimatälern hinab. Dabei rekonstruiert und restrukturiert er das Ausgangsmaterial der Feldaufnahmen auf eine ebenso behutsame wie durch und durch musikalische Art und Weise mit den Mitteln der Konfrontation, Staffelung und Überlagerung. Eine von Anfang bis Ende brilliante Arbeit, die in ihren Ergebnissen an manchen Stellen überraschenderweise gar nicht so weit entfernt zu sein scheint von den zumindest teilsynthetischen Welten eines Asmus Tietchens. [...]
[...] tiefen räumlichen Staffelungen nicht nur in besonderen Momenten die Nähe zu eingen Arbeiten von Asmus Tietchens. Weiter noch liegen in der Abbildung von jederzeit fremd verbleibenden Raumsituationen, die [...]
Deine Meinung:
Kategorien
Twitter
Die Wahl ist dein!
Letzte Kommentare
Archiv
Rolle
Sponsoren
Meta