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Not Available: Kraftwerk – Techno Pop (1983)

7 Oktober 2009 Daniel Decker 2 Kommentare

Die Vorfreude war groß für Kraftwerk Fans die 1983 die Musikzeitschriften aufschlugen. Nach der Single „Tour de France“, die im August auf Platz 22 der UK-Charts klettern konnte, sollte laut Anzeigen also das dazugehörige Album „Techno Pop“ folgen.

Doch bis zu „Electric Café“ von 1986 blieb es still. Was war passiert? Kraftwerk sind bekannt für ihre Geheimniskrämerei. Obwohl sie angeblich jeden Tag wie fleißige Arbeiterbienen im Kling Klang Studio werkeln sind ihre Releases und Informationen zu Aktivitäten immer rarer geworden. 1982 machte sich die Band daran den Nachfolger zu „Computerwelt“ aufzunehmen. Nachdem man den Titel „Technicolor“ aus offensichtlichen Gründen verwerfen musste einigte man sich auf den Namen „Techno Pop“. Als Resultat dieser Aufnahmen erschien 1983 dann die Single „Tour de France“, doch dann überschlugen sich die Ereignisse. Ralf Hütter, ein begeisterter Radfahrer, fiel nach einem schweren Unfall ins Koma und musste den Aufnahmen sechs Monate lang fernbleiben, so dass das Projekt nicht zum angepeilten Veröffentlichungstermin fertig wurde. Dann erhielt die Digitaltechnologie Einzug in die Musik. Digitales Mischen, Samplen, Mastern und digitale Synthesizer. Neue Werkzeuge und Möglichkeiten die die sonst so innovativen Kraftwerk auf „Techno Pop“ bisher gar nicht eingesetzt hatten. Um am Puls der Zeit zu bleiben wurde das Album komplett überarbeitet.

Karl Bartos in einem Interview von 1998 dazu: „Um ehrlich zu sein haben wir uns ein wenig in der Technologie verloren. Plötzlich, Mitte der 80er, erschien dieses ganze digitale Equipment. Also machten wir einen Schritt zurück und überdachten das Ganze und arbeiteten mit Midi und Sampling. Als ‚Techno Pop‘ fertig war flog Ralf nach New York und mischte die Platte in den Powerstation Studios. Alles war fertig, selbst das Cover, aber Ralf war unsicher und dachte wir sollten die Produktion überarbeiten und die Platte ‚Electric Café‘ nennen, was wir auch taten.“

Zusammenfassend ist der Mythos von „Techno Pop“ als eigenständigem Album also nicht zu halten. Vielmehr war es schlicht der Arbeitstitel für „Electric Café“.  Auf der Anthologie „Der Katalog“ wurde die Platte sogar wieder „Techno Pop“ genannt. Bei näherer Nachforschung enthalten beide Alben die gleichen Stücke – „Tour de France“ ausgenommen – dennoch hält sich das Gerücht des Lost Albums vehement.

Das hat sicherlich mit Kraftwerks Umgang mit den Medien zu tun. Interviews mit Hütter und Schneider sind selten und nicht immer einfach. Und insgesamt passt die Idee eines unter Verschluss gehaltenen Werkes sehr gut zu Kraftwerk. Das viele vehement an die Existenz von „Techno Pop“ als eigenständigem Album glauben, liegt nicht zuletzt an den erschienenen Anzeigen und Artwork-Entwürfen von u.a.  Rebecca Allen, die sich auch für das „Electric Café“ Artwork sowie das Video zu „Musique Non Stop“ verantwortlich zeigt.

Für alle, die dennoch glauben wollen, gibt es Trost: „Electric Café“ als analog eingespielte Version muss es geben. Demos von „Sex Objekt“ und „Techno Pop“, die sich auf Bootlegs und im Netz wiederfinden, beweisen das. Der Mythos ist gewahrt.

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Daniel Decker

Daniel Decker lebt in Berlin und schreibt bei Jahrgangsgeräusche u.a. über Platten, die es nicht gibt. Sonst bloggt er als Kotzendes Einhorn und macht Musik.



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